sandgelber Strand; die obere Bildhälfte nimmt ein unruhiger Himmel ein, in dem sich Gewitterwolken in verschiedenen Violettabstufungen auftürmen. Geht man ganz nah hin, verschwindet das Ganze wieder, man sieht die Zeitungsstücke (übrigens alle aus der HAZ), aber keine Landschaft mehr. – Das August-Bild verleugnet seine materielle Herkunft noch weniger: deutlich erkennt man im unteren Teil – vielleicht ein Kornfeld – den Druck­satz der Tageszeitung; darüber zaubern blaue Papierstücke in statischer Anordnung die Atmosphäre eines heißen Sommertages.

Vom Septemberbild war schon kurz die Rede. Grün die Landschaft, Wiese und Wald unten, darüber Rosa für die Abenddämmerung, dann ein fahler Himmel in Grau und Blau. Die Kraft des Sommers ist matten Herbst-Tönen gewichen. Im Oktober sammelt sich, was im Jahr ge­reift ist, noch einmal zu einer Farbexplosion in warmem Rot und Gelb. Es ist der Dank der Kunst für die Farben. Im November wieder etwas Vorstadt-Tristesse.

„Vom Abbild zur Abstraktion“ – diese Bewegung wird in dem Jahreszyklus besonders an­schaulich. Die Monate und die Jahreszeiten, schon im Manierismus und im Barock Thema bildlicher Darstellung, sind ja eigentlich ein abstrakter Gegenstand. Wer weiß schon, wie der Februar aussieht oder der März? Hier werden sie in der abstrakten Technik vorge­fer­tigter Papierschnitzel aus der Tageszeitung konkretisiert. Wir sehen Bäume und Meer, Straße und Sterne – die Monate treten in ihrem Symbolgehalt vor uns hin.

Noch ein Wort zu dem Bild „Karfreitag“ (Nr. 15). Hier liefert die Zeitung nicht nur Farb­streifen für Bilder, sondern Fotos werden zu einer Collage zusammengestellt, Fotos von Gewalt: aus dem Vietnamkrieg, aus dem Zweiten Weltkrieg, ein weinender Junge im Kosovo, ein weinender Student auf dem Platz des Himmlischen Friedens, ein DDR-Soldat, der einen an der deutsch-deutschen Grenze Verbluteten wegträgt. Auf diesen Fotos – nun wieder in der bekannten Collagetechnik – das Bild des Gekreuzigten. Ein freiwillig Leidender unter unfrei­willig Leidenden – die Botschaft der Selbsterniedrigung  Gottes.

Ich weiß, dass Antje Hinze sich auch für Philosophie interessiert. Was könnte die Philo­sophie dieser Bilder sein – eine Philosophie, in der sich zugleich etwas vom Wesen der Künstlerin spiegeln müsste? Vielleicht ist es der Versuch, aus Unscheinbarem etwas zu machen, aus an­spruchslosem Material etwas herauszuholen, das eine neue, geistige Dimension eröffnet. Unbedeutende Zeitungsschnipsel werden Bilder von unerwarteter Leuchtkraft, innerer Span­nung, auch von Melancholie. Und das Besondere daran scheint mir, dass wir als die Betrach­ter, ich möchte fast sagen: großzügigerweise an diesem schöpferischen Prozess beteiligt werden. Denn es ist unsere Wahrnehmung, die in den Haufen Farbfetzen die Glut des Som­mers oder die geheimnisvolle Atmosphäre einer Dezembernacht hineinliest.

Antje Hinze bietet diese Rückschau auf ihr bisheriges Werk zugleich die Möglichkeit, nach neuen Wegen Ausschau zu halten. Sie möchte, so habe ich erfahren, mehr in Öl und Acryl malen. Die Spannung von Gegenständlichkeit und Abstraktion, so vermute ich, wird Antje Hinze sobald nicht loslassen. Aber wie sie sich in einem neuen Medium weiter entwickelt, darauf können wir alle gespannt sein – und vielleicht in einiger Zeit hier im Künstlerverein dann die Früchte eines neuen Schaffensabschnitts bewundern.

Heute geht es um Aquarelle und Collagen, von denen ich einige ein bisschen näher ins Auge gefasst habe, um Sie Ihrer Aufmerksamkeit zu empfehlen. Wenn vier Augen mehr sehen als zwei, wieviel mehr sehen dann die vielen Augen, die hier versammelt sind – und in jedem schöpferischen Augen-Blick können diese Werke neu und mit neuen Facetten entstehen. So lade ich Sie im Namen von Antje Hinze ein, sich als schöpferisch Sehende zu betätigen. Sie werden sich wundern, was in der HAZ alles steckt ...

Gehört haben Sie nun genug – vielleicht sind Sie ein wenig neugierig geworden: jetzt schauen Sie jetzt selbst!



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